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Jenseits von Schwabing

Artikel aus der SZ vom 03.07.2007

Von Mario Kubina

 

Normalerweise gleicht das Architekturstudium einer Arbeit am Reißbrett: Jedes Semester steht ein neuer Entwurf an, den die Studenten einzeln entwickeln. Am Ende winkt zwar ein Uni-Schein, verwirklicht werden die Ideen aber in der Regel nicht. Dagegen biete das Projekt "Orange Farm" an der technischen Universität (TU) die Möglichkeit, ein Bauvorhaben zu konzipieren, das wohl in absehbarer Zeit auch realisiert wird - wenn schon nicht in München, so doch in Johannisburg. Seit dem Wintersemester arbeiten 30 Studenten gemeinsam an einem Entwurf für einen Kindergarten in Orange Farm, einem Armenviertel in der größten Stadt Südafrikas. Nur noch sechs Wochen bleiben ihnen, um die Planungsphase abzuschließen. In den Semesterferien fliegt die Gruppe nach Johannisburg, um dort gemeinsam mit einheimischen Handwerkern den Kindergarten zu errichten.

Die Idee für diese neue Form der Entwicklungshilfe stammt aus dem Wiener Rathaus, wo Stadträte im Jahr 2004 die Initiative "Sarch" ins Leben gerufen haben - mit dem Ziel, "sustainable architekture", also eine nachhaltige Architektur zu fördern. Bisher hat die Initiative zehn soziale Projekte wie Kindergärten oder Behindertenwohnheime realisiert. Die TU ist heuer zum ersten Mal dabei.

Diebstahl im Hort

Die Lebensumstände in Orange Farm sind, wie man sie von den Townships, den schwarzen Elendsvierteln Südafrikas, kennt: Die Infrastruktur ist unterentwickelt; die Menschen dort müssen ohne Kanalisation und fließendes Wasser zurechtkommen. Auch an sozialen Einrichtungen mangelt es. "Dem Viertel fehlen vor allem Kindergärten", sagt Markus Dobmeier von der Fakultät für Architektur. Im vergangenen November ist er nach Johannisburg geflogen, um sich ein Bild von der Umgebung des künftigen Kindergartens zu machen.

Schon jetzt gibt's es dort eine Betreuungseinrichtung, die für etwa 50 Kinder ausgelegt ist. Mit einer Kindertagsbetreuung europäischen Zuschnitts hat das Angebot in Orange Farm jedoch nicht viel gemein: Die Kinder sind in einem Blechschuppen untergebracht, der nur unzureichend vor Sonne und Wind schützt. Zudem wurde Dobmeier von zahlreichen Einbrüchen berichtet, die Kriminalität im Viertel ist hoch. So groß ist die Armut in den Townships, dass manche selbst in einem Kindergarten Lebensmittel stehlen.

Daher haben die Studenten den Neubau so angelegt, dass alle Räume, vor allem die Küche, gut gesichert sind. Zudem wird das großzügig geschnittene Dach auch auf er Terrasse Schutz vor den unsteten Witterungsverhältnissen bieten - mitunter gehen in Südafrika heftige Regenergüsse nieder. Das Konzept orientierte sich, sagt Dobmeier, an den Bedürfnissen der Einwohner in Orange Farm und nicht an dem, was in Deutschland als stilbildend gilt. "Wir wollten bewusst keinen freakigen Leichtbau", erklärt der Architekt. "Leute die privat in Blechhütten wohnen, wünschen sich für ihre Kinder ein Haus aus Stein." Nicht ohne Stolz verweißt er auf die ins Auge gefasste Steinart, eine isolierende Mischung aus Sand und Zement, die das Gebäude im Sommer kühl und im Winter warm halten soll.

Den Großteil der Baustoffe beziehen die Studenten von einheimischen Unternehmen; schließlich wollen sie "Hilfe zur Selbsthilfe" leisten, wie es Christoph Rogge formuliert, einer der Teilnehmer. "Die Leute sollen sehen, dass sie mit einfachen Mitteln etwas aufbauen können", sagt der 28-jährige. Folglich wirkt das Bauvorhaben recht spartanisch. "Das waren schwerste Überlegungen, bis wir einen einfachen und funktionalen Bau entwickelt haben", berichtet die Studentin Ester Orgel.

Den ganzen Winter über feilten die Studenten an verschiedenen Entwürfen - ausgewählt haben sie schließlich denjenigen mit dem hervorstehenden Dach, der Funktionalität halber. Parallel dazu besuchten sie landeskundige Seminare, um die gesellschaftlichen und städtebaulichen Traditionen Südafrikas kennen zulernen. Außerdem absolvierten sie einen handwerklichen Workshop, um sich mit der Arbeit am Bau vertraut zu machen. Theoretisch wie praktisch sind die Studenten also gut gerüstet - allein die Finanzierung des Projekts ist noch nicht vollständig gesichert.

Sechs Wochen Bauzeit

Insgesamt rechnet Dobmeier mit Baukosten von rund 80 000 Euro, lediglich die Hälfte davon sei sichergestellt. Da sich das Vorhaben ausschließlich durch Spenden und Sponsoring-Gelder finanzieren muss, hat Dobmeier im März einen Förderverein gegründet, der über ein Spendenkonto bei der Stadtsparkasse München verfügt. Viel Zeit bleibt nicht mehr, um den Restbetrag aufzutreiben: Mitte August, so die Planung, fliegen die ersten aus der Gruppe nach Johannisburg, um den Grundstein zu legen; innerhalb von sechs Wochen soll der Neubau stehen.

Ob die Studenten nicht ein bisschen Angst haben angesichts der Gewalt in den Vorstädten Johannisburgs? Sie müssen vorsichtig sein. "Aber panisch durch die Stadt zu rennen, das bringt doch auch nichts", meint die 26-jährige Orgel, "ich würde eher von Respekt sprechen." Und Dobmeier beschwichtigt, die Studenten fänden in Südafrika kein Chaos vor: "Wir sind dort ja nicht im Busch."

 

Architekt Markus Dobmeier (oben rechts) mit seinem Team: Seit dem Wintersemester arbeiten die Studenten an einem Entwurf für einen wetterfesten Kindergarten in Orange Farm, einem Armenviertel Johannisburgs. Die Kinder sind dort bisher in einer windigen Blechhütte untergebracht.

Fotos: Robert Hass, oh

 

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